…und plötzlich marschiert sie los

Die letzten Wochen ist unglaublich viel passiert. Wir gehen jetzt nämlich in die Schule. Also, das Schöne ist: unsere Große geht in die Schule und zwar ganz allein. Und plötzlich hat so ein Zwerg ein Eigenleben. Im Kindergarten ist man dauernd eingebunden, sieht die Erzieherinnen täglich, spricht mit ihnen, wird aufgefordert sich einzubringen… und plötzlich ist das vorbei. Ich habe im Grunde keine Ahnung, was das Kind den ganzen Vormittag so macht. Sie erzählt jedenfalls nix. Ich vermeide schon die Frage: „Wie war es in der Schule““ mit der üblichen Antwort: „Gut!“ Aber auch mit offenen Fragen kommt man nicht wirklich weiter. Aber wir vertrauen der Schule, wir vertrauen den Klassenlehrerinnen und vor allem vertraue ich meinem großen Schulkind.

Am Einschulungstag ist das kleine zarte Ding über sich hinaus gewachsen. Wir waren nervös, wir alle waren nervös. Doch ohne zu zögern setzte sie sich ohne uns zu den anderen Kindern ganz vorne in der Aula, als sie aufgerufen wurde marschierte sie los zu ihrer neuen Klassenlehrerin und war weg. Das Kind geht ihren Weg.

Da darf man auch mal etwas melancholisch werden. Zwei intensive Jahre haben wir investiert in Bindungsarbeit. In Aufholen von versäumten Dingen. In Vertrauen schaffen. In einander kennenlernen. In Familie werden. In Mut machen. Wir haben gelernt, einander lieb zu haben. Wir haben gemeinsam viel gelernt. Wir sind alle aneinander verzweifelt. Nur zwei Jahre hatten wir Zeit, und plötzlich läuft sie einfach ohne uns los. Das tat weh. Und machte unendlich stolz. Es hat sich gelohnt. Alles.

Der gemeinsame Weg wird weiter schwierig. Aber es stärkt uns, dass die erste nun schon ziemlich entschlossene Schritte auf ihrem eigenen Weg macht. Das soll sie tun. Wann immer wir ein Stück mitgehen sollen, tun wir das. Wann immer wir nur einfach zum Abschied winken und ihr so den Rücken stärken sollen, tun wir das. Vor allem aber wollen wir ihr Leuchtturm sein, den Weg weisen und den sicheren Hafen bieten. Jetzt. Die nächsten Jahre und darüber hinaus. Denn wer den hat, der traut sich auch weit hinaus aufs Meer.

Hamburg Pride 2018

Nun ist es also wieder so weit. Pride Week. CSD in Hamburg. Die queeren Feiertage haben begonnen. Am Wochenende wurde die Pride Week mit der Pride Night eröffnet. Eigentlich schon am Freitag mit einem sehr politischen Rot-Grünen Bürgerschaftsempfang im Hamburger Rathaus. Und seit Sonnabend heißt es auch ganz offiziell „Happy Pride“. In der öffentlichen Wahrnehmung ist der CSD eine Mischung aus Karneval und Love Parade, aber er ist doch so viel mehr. Zum einen ist es für viele queere Menschen ein unglaublich starkes Symbol einmal im Jahr als Mehrheit durch die Hamburger Innenstadt zu ziehen. Da küssen sich Jungs auf offener Straße, die sonst nicht in der S-Bahn Händchen halten würden. Da kommen Kerle im Fummel, die sie sonst niemals außerhalb der eigenen vier Wände tragen würden. Einmal dürfen sie sich das trauen – ohne einen prüfenden Blick über die Schulter werfen zu müssen. Und genau darum, weil sie es sich nur einmal im Jahr trauen, ist der CSD immer noch so wichtig. Blickt man auf das politische und gesellschaftliche Klima, ist der CSD sogar wieder wichtiger geworden. Der Ton wird rauer. Minderheiten sind wieder im Fokus – wir gegen die, das funktioniert leider immer noch ganz wunderbar. Die AfD will die sogenannte „Ehe für alle“ wieder abschaffen. Hassverbrechen nehmen zu. Da braucht es starke Signale und kraftvolle Bilder!

Doch der CSD ist ja nicht nur Party und Demo. Seit Jahren findet in Hamburg die Pride Week statt. Eine Woche in der sich die Community intensiv mit verschiedensten Themen auseinander setzt. Die Einladung geht aber immer an alle. „Geschlechtergerechte Sprache und inklusive Kommunikation“ geht uns alle an. Ja, ich fremdel selbst noch mit dem * und Innen – aber wir sollten uns einfach bewusst sein, wie Sprache wirkt, wie machtvoll sie ist und wie mit Sprache Macht ausgeübt wird. Ein bewusster Umgang mit Sprache kann das Miteinander verbessern, in dem wir achtsam miteinander kommunizieren. „Lesben raus“ der Autorin Stephanie Kuhnen beleuchtet das Problem der mangelnden Sichtbarkeit von Lesben. Ein Nischenproblem? Nein, denn wenn auch in der queeren Community Frauen um ihre Sichtbarkeit kämpfen müssen, dann wirft das ein ziemlich unangenehmes aber längst überfälliges Schlaglicht auf das Frauenbild in unserer Gesellschaft – und das geht vor allem auch heterosexuelle Männer was an.

Ich freue mich jedes Jahr wieder auf die Pride Week und wünsche mir mehr öffentliches Interesse. Den Machern von CSD und Pride Week gilt wie jedes Jahr mein Dank und tief empfundener Respekt – nicht nur weil ich sie als wunderbare engagierte Menschen kenne, sondern weil sie da ein verdammt gutes Ding auf die Beine stellen! #Happy Pride

Kinder? Wieso das denn?

Diese Frage kommt immer wieder, oder sie kam immer wieder. Jetzt, wo die Kinder da sind, interessiert es irgendwie niemanden mehr. Aber klar, die Frage scheint erst einmal berechtigt. Wieso wollen sich zwei mehr oder weniger erfolgreiche Homos zwei Kinder ans Bein binden? Freunde und Familie haben sich das gefragt, das Jugendamt wollte das natürlich wissen im Zuge der Bewerbung als Pflegeeltern. So richtig konnte ich die Frage bis letzten Donnerstag immer noch nicht beantworten. Klar war mir aber immer, eines Tages möchte ich Kinder, eine Familie – die Frage nach dem „Warum?“ habe ich mir selbst nie gestellt.

Sicherlich im Rahmen der Prüfung wurden unsere Motive hinterfragt, wir grundsätzlich einmal komplett durchleuchtet. Das ist ein manchmal nicht ganz einfacher Prozess, aber in vieler Hinsicht auch eine wertvolle Zeit, in der man viel über sich und den Partner lernt. Dem Pflegekinderdienst scheinen wir eine hinreichend logische Erklärung für unsere Entscheidung geliefert zu haben – für mich selbst war die Frage nicht beantwortet. Aber ich habe mir die Frage auch gar nicht gestellt. Kinder gehören für mich dazu. So wie ein Job, ein Haus, ein Hund und Freunde. Ich frage mich doch auch nicht, warum ich Freunde haben will.

Als Pflegeeltern beschäftigt man sich zwangsläufig früher oder später mit dem Thema Biographiearbeit. Pflegekinder sind oft entwurzelt, haben traumatische Erfahrungen gemacht und leben nun in einer Familie, die nicht die ihre ist. Sich mit der eigenen Biographie zu beschäftigen, kann zur Heilung der Wunden beitragen, kann überlebenswichtig sein. Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist mir zugestoßen? Warum bin ich so wie ich bin? Warum reagiere ich so? Warum bin ich manchmal anders als andere? Der Prozess kann schmerzhaft sein. Kinder und Pflegeeltern beschäftigen sich mit schweren Themen: Verlust, Trauma, Schmerzen, Trauer, Angst, Wut… Das macht alles keinen Spaß.

Zwangsläufig setzt man sich als Pflegeeltern auch mit der eigenen Biographie auseinander. Denn natürlich stellen die Kinder auch Fragen, wollen vergleichen, ihre Geschichte in Bezüge setzen.

Letzte Woche habe ich mich im Rahmen eines Interviews mit dem Thema Biographiearbeit beschäftigt, mich auch mit meiner Lebensgeschichte erneut befasst. Wie war die Kindheit? Wer ist meine Familie? Wie war es als schwules Kind auf dem Land? Wie war das mit dem Coming-out? usw.

Und wieder war da die Frage: Warum wolltest du Kinder? Die Antwort könnte natürlich sein, dass das Einzel- und Scheidungskind in mir, eine Familie wollte, um das Leben zu führen, dass ich als Kind nicht führen durfte. Die heile Welt schaffen, um alte Verletzungen zu heilen. Abgesehen davon, dass das Leben mit Kindern bei weitem nicht so harmonisch ist, als dass dies funktionieren würde – nein, der Wunsch nach einer eigenen Familie geht tiefer und im Grunde noch ein wenig weiter zurück. In meiner großen Familie, mit Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen unterschiedlicher Grade und diversen Wahlverwandtschaften habe ich Familie generationsübergreifend als funktionierendes Sozialsystem kennengelernt.  Trotz mancher Konflikte.

Mit Familie fängt es an. Mit Familie hört es im Idealfall auf. Für mich ist Familie die Keimzelle der Gesellschaft. Ob wirklich verwandt oder nicht ist da nebensächlich. Meine „Nenn-Oma“ war für mich einer der wichtigsten Menschen auf der Welt und ich habe mich noch mit über 30 gerne an ihren Busen drücken lassen. Warum wollte ich also Familie? Warum kann ich mein Haus und Herz zwei wildfremden Kinder öffnen? Nicht trotz meiner Familie, sondern wegen meiner Familie! Ich danke Euch – Ihr bedeutet die Welt für mich – und Oma Inge, du fehlst mir jeden Tag…

Warum dieser Blog? Nun, seit zwei Jahren sind mein Mann und ich Pflegeeltern von zwei ganz tollen kleinen Mädchen. Das war die größte und wichtigste Entscheidung unseres Lebens. Nicht nur die Entscheidung für ein Kind, sondern insbesondere die Entscheidung, Pflegeeltern zu werden. Seitdem bin ich „Mutter ehrenhalber“ und war noch nie im Leben so erschöpft. Aber auch noch nie so erfüllt von dem, was ich tue.

Ich möchte mehr Menschen dafür begeistern, Pflegeeltern zu werden. Pflegeeltern geben Kindern ein Zuhause und das ist ein wunderbares Gefühl. Aber nach zwei Jahren kann ich nur warnen: Dein Helfersyndrom muss Marathonläufer sein. Eine schnelle Bestätigung in Form von leuchtenden Kinderaugen gibt es nicht. Es ist nicht wie bei „Anne auf Green Gables“ oder „Annie“. Erwarte bloß keine Dankbarkeit von den halslosen Ungeheuern. Und klar, Pflegekinder bringen einen Rucksack voller Erfahrungen mit – meistens keine guten. Sie haben ihre Probleme, die andere Kinder vermutlich nicht haben. Vertrauen ist so eine Geschichte, Vertrauen in andere, aber auch Selbstvertrauen. Und genau darum sind es die vielen kleinen Erfolgserlebnisse, die einen den Marathonlauf durchstehen lassen!

Wie ist das so als Pflegefamilie? Keine Ahnung, wie ist es dann so als „normale“ Familie? Ich kann diese Frage ebenso wenig beantworten, wie die nach dem Leben als Regenbogenfamilie. Darum möchte ich einfach davon erzählen. Wir sind eine Familie – wir lachen, wir streiten, wir freuen uns und verzweifeln aneinander. Dumme Sprüche? Gab es bisher erstaunlich wenige. Damit rechnen müssen wir trotzdem.

Für mich ist tatsächlich die Rolle als Hausmann und Vater am schwierigsten, und da fühle ich mich alleinerziehenden Vätern näher als allen anderen Familien. Denn aktive Väter sind einfach nicht vorgesehen: es gibt keine Wickeltische auf öffentlichen Herrentoiletten, auf welches Klo soll ich als Papa mit zwei kleinen Mädchen gehen? Umkleiden im Schwimmbad, ein einziger Eiertanz. Verständnis der Gesellschaft, gleich Null. Kindererziehung ist immer noch Frauensache in Deutschland, das sehen zumindest Staat und Gesellschaft scheinbar sein. Die Realität in den meisten Familien sieht natürlich völlig anders aus und die Angebote gehen am Bedarf schlicht vorbei. Ganz abgesehen davon, dass „geschlechtsneutrale Toiletten“ für mich eine ganz andere Dimension bekommen haben. Jeder Vater, der einmal in einer öffentlichen Toilette ein kleines Mädchen an den Pissoirs vorbeigeführt hat oder auf dem Damenklo beschimpft wurde sollte erkannt haben, dass das Leben vielschichtiger und „bunter“ ist als man denkt – und das man das Problem eines anderen nicht belächeln sollte, bis man ein Stück des Weges in dessen Schuhen hinter sich gebracht hat.

 

 

Kinder? Wieso das denn?

Diese Frage kommt immer wieder, oder sie kam immer wieder. Jetzt, wo die Kinder da sind, interessiert es irgendwie niemanden mehr. Aber klar, die Frage scheint erst einmal berechtigt. Wieso wollen sich zwei mehr oder weniger erfolgreiche Homos zwei Kinder ans Bein binden? Freunde und Familie haben sich das gefragt, das Jugendamt wollte das natürlich wissen im Zuge der Bewerbung als Pflegeeltern. So richtig konnte ich die Frage bis letzten Donnerstag immer noch nicht beantworten. Klar war mir aber immer, eines Tages möchte ich Kinder, eine Familie – die Frage nach dem „Warum?“ habe ich mir selbst nie gestellt.

Sicherlich im Rahmen der Prüfung wurden unsere Motive hinterfragt, wir grundsätzlich einmal komplett durchleuchtet. Das ist ein manchmal nicht ganz einfacher Prozess, aber in vieler Hinsicht auch eine wertvolle Zeit, in der man viel über sich und den Partner lernt. Dem Pflegekinderdienst scheinen wir eine hinreichend logische Erklärung für unsere Entscheidung geliefert zu haben – für mich selbst war die Frage nicht beantwortet. Aber ich habe mir die Frage auch gar nicht gestellt. Kinder gehören für mich dazu. So wie ein Job, ein Haus, ein Hund und Freunde. Ich frage mich doch auch nicht, warum ich Freunde haben will.

Als Pflegeeltern beschäftigt man sich zwangsläufig früher oder später mit dem Thema Biographiearbeit. Pflegekinder sind oft entwurzelt, haben traumatische Erfahrungen gemacht und leben nun in einer Familie, die nicht die ihre ist. Sich mit der eigenen Biographie zu beschäftigen, kann zur Heilung der Wunden beitragen, kann überlebenswichtig sein. Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist mir zugestoßen? Warum bin ich so wie ich bin? Warum reagiere ich so? Warum bin ich manchmal anders als andere? Der Prozess kann schmerzhaft sein. Kinder und Pflegeeltern beschäftigen sich mit schweren Themen: Verlust, Trauma, Schmerzen, Trauer, Angst, Wut… Das macht alles keinen Spaß.

Zwangsläufig setzt man sich als Pflegeeltern auch mit der eigenen Biographie auseinander. Denn natürlich stellen die Kinder auch Fragen, wollen vergleichen, ihre Geschichte in Bezüge setzen.

Letzte Woche habe ich mich im Rahmen eines Interviews mit dem Thema Biographiearbeit beschäftigt, mich auch mit meiner Lebensgeschichte erneut befasst. Wie war die Kindheit? Wer ist meine Familie? Wie war es als schwules Kind auf dem Land? Wie war das mit dem Coming-out? usw.

Und wieder war da die Frage: Warum wolltest du Kinder? Die Antwort könnte natürlich sein, dass das Einzel- und Scheidungskind in mir, eine Familie wollte, um das Leben zu führen, dass ich als Kind nicht führen durfte. Die heile Welt schaffen, um alte Verletzungen zu heilen. Abgesehen davon, dass das Leben mit Kindern bei weitem nicht so harmonisch ist, als dass dies funktionieren würde – nein, der Wunsch nach einer eigenen Familie geht tiefer und im Grunde noch ein wenig weiter zurück. In meiner großen Familie, mit Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen unterschiedlicher Grade und diversen Wahlverwandtschaften habe ich Familie generationsübergreifend als funktionierendes Sozialsystem kennengelernt.  Trotz mancher Konflikte.

Mit Familie fängt es an. Mit Familie hört es im Idealfall auf. Für mich ist Familie die Keimzelle der Gesellschaft. Ob wirklich verwandt oder nicht ist da nebensächlich. Meine „Nenn-Oma“ war für mich einer der wichtigsten Menschen auf der Welt und ich habe mich noch mit über 30 gerne an ihren Busen drücken lassen. Warum wollte ich also Familie? Warum kann ich mein Haus und Herz zwei wildfremden Kinder öffnen? Nicht trotz meiner Familie, sondern wegen meiner Familie! Ich danke Euch – Ihr bedeutet die Welt für mich – und Oma Inge, du fehlst mir jeden Tag…