Kinder? Wieso das denn?

Diese Frage kommt immer wieder, oder sie kam immer wieder. Jetzt, wo die Kinder da sind, interessiert es irgendwie niemanden mehr. Aber klar, die Frage scheint erst einmal berechtigt. Wieso wollen sich zwei mehr oder weniger erfolgreiche Homos zwei Kinder ans Bein binden? Freunde und Familie haben sich das gefragt, das Jugendamt wollte das natürlich wissen im Zuge der Bewerbung als Pflegeeltern. So richtig konnte ich die Frage bis letzten Donnerstag immer noch nicht beantworten. Klar war mir aber immer, eines Tages möchte ich Kinder, eine Familie – die Frage nach dem „Warum?“ habe ich mir selbst nie gestellt.

Sicherlich im Rahmen der Prüfung wurden unsere Motive hinterfragt, wir grundsätzlich einmal komplett durchleuchtet. Das ist ein manchmal nicht ganz einfacher Prozess, aber in vieler Hinsicht auch eine wertvolle Zeit, in der man viel über sich und den Partner lernt. Dem Pflegekinderdienst scheinen wir eine hinreichend logische Erklärung für unsere Entscheidung geliefert zu haben – für mich selbst war die Frage nicht beantwortet. Aber ich habe mir die Frage auch gar nicht gestellt. Kinder gehören für mich dazu. So wie ein Job, ein Haus, ein Hund und Freunde. Ich frage mich doch auch nicht, warum ich Freunde haben will.

Als Pflegeeltern beschäftigt man sich zwangsläufig früher oder später mit dem Thema Biographiearbeit. Pflegekinder sind oft entwurzelt, haben traumatische Erfahrungen gemacht und leben nun in einer Familie, die nicht die ihre ist. Sich mit der eigenen Biographie zu beschäftigen, kann zur Heilung der Wunden beitragen, kann überlebenswichtig sein. Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist mir zugestoßen? Warum bin ich so wie ich bin? Warum reagiere ich so? Warum bin ich manchmal anders als andere? Der Prozess kann schmerzhaft sein. Kinder und Pflegeeltern beschäftigen sich mit schweren Themen: Verlust, Trauma, Schmerzen, Trauer, Angst, Wut… Das macht alles keinen Spaß.

Zwangsläufig setzt man sich als Pflegeeltern auch mit der eigenen Biographie auseinander. Denn natürlich stellen die Kinder auch Fragen, wollen vergleichen, ihre Geschichte in Bezüge setzen.

Letzte Woche habe ich mich im Rahmen eines Interviews mit dem Thema Biographiearbeit beschäftigt, mich auch mit meiner Lebensgeschichte erneut befasst. Wie war die Kindheit? Wer ist meine Familie? Wie war es als schwules Kind auf dem Land? Wie war das mit dem Coming-out? usw.

Und wieder war da die Frage: Warum wolltest du Kinder? Die Antwort könnte natürlich sein, dass das Einzel- und Scheidungskind in mir, eine Familie wollte, um das Leben zu führen, dass ich als Kind nicht führen durfte. Die heile Welt schaffen, um alte Verletzungen zu heilen. Abgesehen davon, dass das Leben mit Kindern bei weitem nicht so harmonisch ist, als dass dies funktionieren würde – nein, der Wunsch nach einer eigenen Familie geht tiefer und im Grunde noch ein wenig weiter zurück. In meiner großen Familie, mit Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen unterschiedlicher Grade und diversen Wahlverwandtschaften habe ich Familie generationsübergreifend als funktionierendes Sozialsystem kennengelernt.  Trotz mancher Konflikte.

Mit Familie fängt es an. Mit Familie hört es im Idealfall auf. Für mich ist Familie die Keimzelle der Gesellschaft. Ob wirklich verwandt oder nicht ist da nebensächlich. Meine „Nenn-Oma“ war für mich einer der wichtigsten Menschen auf der Welt und ich habe mich noch mit über 30 gerne an ihren Busen drücken lassen. Warum wollte ich also Familie? Warum kann ich mein Haus und Herz zwei wildfremden Kinder öffnen? Nicht trotz meiner Familie, sondern wegen meiner Familie! Ich danke Euch – Ihr bedeutet die Welt für mich – und Oma Inge, du fehlst mir jeden Tag…

Ein Gedanke zu „Kinder? Wieso das denn?“

  1. Es wäre schön, wenn sich jeder die Frage stellen würde, warum Mann/ Frau sich für Kinder entscheidet. Ich glaube, dass wenn jeder das tun würde, könnte vielen Kindern eine Menge Leid und Schmerz erspart bleiben. Den Gedanken, dass Familie unser kleinstes Sozialsystem ist, stimme ich zu. Vielleicht sollten wir uns zukünftig wieder mehr darauf besinnen, wie wichtig ein , wie auch immer „gestricktes“ Familiensystem ist.

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